 Dienstag, 23. Juni, Kathrin Zettler ist ermüdet in Seattle und erforscht das Freizeitverhalten der US-Bürger beim Baseballspiel „So muß es in einer Müllpresse aussehen" - kann man es trefflicher formulieren, als mit Annes Worten? Wir sind im Fahrstuhl des Boeing Hangars in Everett und Melissa preist dieses Ding als "the 2nd amazing thing" an. Ist ein bißchen größer als gewöhnlich. Große Türen, die von oben nach unten, statt von links nach rechts aufgehen. Tolle Sache. Da sind Flugzeuge nun wirklich nebensächlich. Jedenfalls ermüdet uns die Besichtigung. Sie könnte schon spannend sein, aber nicht mit Melissa als Tour Guide. Schon zu Beginn behandelt sie uns, als wären wir an der oberen Grenze der unterdurchschnittlichen Intelligenz. Was man nicht alles für einen Blick auf ein paar Flugzeuge tut. Mit dem Bus werden wir über das Werksgelände kutschiert, zu Fuß geht es durch einen Tunnel, im Grunde ein großer und langgezogener Keller. Für Melissa freilich das "1st amazing thing". Klar, steht ja auch nur die neue Boeing 787, die Ersatzmaschine der „Airforce One" in der Wartungshalle. Und klar, es sind ja nur schlappe 750 Basketballfelder, die in dieses Gebäude passen. Egal. Wahrscheinlich sind wir einfach alle ein bißchen erschlagen und übermüdet. Immerhin haben wir unsere Geschichten nun endlich zu Papier gebracht und warten auf Peters Urteil. Während er nun korrigiert, genießen wir ein wenig Freizeit. Nach der Besichtigung bei Boeing geht es zu einem Baseballspiel der Everett Aquasox. Die Regeln kapiert keiner so richtig - Lukas ausgenommen. Aber es lassen sich vorzügliche Milieustudien in so einem Stadion betreiben und Klischees werden wunderbar bestätigt. Beispielsweise Klischee 1: Sport ist Mord. Wohl war, zumindest wenn man die Unmengen an Hot dogs und Nachos betrachtet, die hier gefuttert werden. Die besten Restaurants in den USA sind offenbar die örtlichen Baseballstadien. Weil sich bei dem Spiel in Everett ohnehin nur selten was tut - viele der Spieler treffen den Ball einfach nicht - stehen die Zuschauer immer wieder auf, holen sich einen neuen Snack, ratschen und gehen wieder zu ihrem Platz - oder nach dem Hot dog gleich nach Hause. Klischee 2: In den USA wird die Nation zelebriert. Stimmt. Zu Beginn spielen Schulkinder, die Töne nur mäßig treffend, die Nationalhymne. Dann fliegt ein Hubschrauber mit Soldaten über das Spielfeld und alle winken. Wäre mal interessant, das Lied der Bayern beim FC zu spielen und die Gebirgsjäger über der Allianz-Arena fliegen zu sehen. Klischee 3: Ohne ID geht nichts. In der Tat. Ein Bier ohne Ausweis ist selbst für Sebastian eine unüberbrückbare Hürde geworden. Klischee 4: Deutsche haben immer etwas zu meckern. Treffer. Fazit: Klischees werden immer bestätigt. Man muß nur lange genug suchen. Das Stadium "Memorial Park" ist die Heimat der Everett Aquasox, dem Baseballteam der Stadt.  |